Skizzen ohne Hand

Landespreis für Literatur und Sprache Baden-Württemberg 2012

Der Text spielt in einer fiktionalen Welt in der es keine Behinderungen, insbesondere im Bezug auf nicht- oder andersartig-ausgebildete Extermitäten gibt.
Er nimmt in keiner Weise Bezug auf Behinderungen in unserer Welt.



S k i z z e n   o h n e   H a n d
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–- Alle Philosophie ist Sprachkritik1
1 Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus, 1918 [4.0031]


Am Nachmittag ging ich in das Café, Tee zu trinken. Ich betrachtete die Anderen, die ihre Hände an den Tassen wärmten, alle in gefrorenen Mänteln, solange, bis ihre Hände wieder warm, der Kaffee aber kalt war. Ihre Hände waren blau, weiß, manche auch rot; zusammen hätten sie Franzosen sein können. Ich war froh keine Hände zu haben, solange bis der Tee kam. Man weigerte sich mir einen Strohhalm für den Tee zu geben, vollkommen zu Recht, ein angesehenes, traditionelles Café darf mir nicht den Tee mit Strohhalm (jedoch mit Stroh Rum2
2 Stroh Rum – Eigenmarke der gleichnahmigen Firma aus Klagenfurt, Österreich. Wird synonym zur allgemeinen Bezeichnung “Inländer-Rum“ verwendet.
) servieren; doch ihn mir zu verweigern rief einen alten Bürgerrechtler auf den Plan, der seinen Status als Wut- und Mutbürger nun in sozialen Situationen einsetzen muss, enttäuscht von der Politik.

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Und nun, wie ich das Café verlasse, sehe ich zwei ergreifende, die Tasse umgreifende, zarte Hände, samtweich aus Elfenbein, ich bin ergriffen, möchte sie ergreifen und sie gleich dazu. Etwas verloren stehe ich im Eingang und starre auf ihre Hände. Unvermittelt lassen die Hände von der Tasse ab, streichen durch ihr Haar und erheben sie vom Tisch, ziehen mich zu ihr und eine von ihnen legt sich gar auf meine Wange! Doch – Nein, nicht dieses Mal; nur einmal verschone mich, Erbarmen! – greift die zweite Hand nach der meinen, greift ins Nichts und ist verloren, wie ich, der nicht den Blick von den Händen lassen kann, bin hoffnungslos verloren und hoffnungslos natürlich auch.

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Der Höfliche sieht mich. Wie misslich, gerade der Höfliche, dem ich stets die Höflichkeit erwidern wollte, da er eben höflich war(ist); sonst wäre es ja nicht so. Nun, der Höfliche erblickt mich und natürlich ist er erfreut, schwenkt in Eleganz zu mir - Was tun? Hände hoch, ergeben. Ergebnislos, Hände nicht oben, nicht unten. Soll ich ihm nun keine Hand geben, ihm keine Hand schütteln? Soll ich ihm mit dem Ärmel winken, meine Hand nicht in die Kälte zu wagen ist wohl unhöflich. Ich glaube, sie würde nicht frieren trotz des Windes.

Ich gebe mich frierend, entschuldige meine Hände in der Tasche, die sie früher kratzte und erkläre ihm nichts Sinnvolles. Aber der Höfliche erübrigt das in Höflichkeit, wie höflich von ihm. Er hat elegante Hände, wie es die Höflichen pflegen sie zu pflegen. Ein Ring, keine Ehe3
3 Friedrich Schiller: “Der Ring macht Ehen - und Ringe sind's die eine Kette machen.“ - in Maria Stuart, II,2 / Elisabeth
, aber edel. Ich frage mich, ob mein Ring noch an der Hand wäre.

Denn auch ich trug einst einen Ring, am Ringfinger meiner Hand. Denn auch ich trug einst eine Hand, die mich unerwartet und unerklärlich verließ – noch heute schmerzt es in mir, und in meinen abhanden gekommenen Händen, wenn ich sie auf einem Photo an meinen Armen sehe.

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Im Plattenladen, dessen Platten ich stets mit eleganten Fingern durchforstete, gleich all jenen, die neben mir standen, schweigend, andächtig den Klängen lauschend, die uns nicht gefielen, aber die wir lieben mussten, da der Inhaber sie liebte. Die Finger der anderen laufen auch jetzt leicht auf den Kanten der LP-Hüllen entlang, wie Katzenpfoten auf Mauern, verwerfen leicht alles, was nicht gefällt und das ist eigentlich Alles; nur, selten, lachen die Hände, erheben die gefundene Trophäe, ein scheinbar vergriffenes Exemplar, streicheln liebevoll die Hülle.

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Am Brunnen vor dem Tore,
Da steht ein Lindenbaum: 4
4 Der Text war abgeschlossen bevor die Gedichtauszüge eingefügt wurden.
Wilhelm Müller: Am Brunnen vor dem Tore, 1822
[Zeilen 1 – 2, 3 – 4, 7 – 8, 9 – 10] (Im Folgenden nicht einzeln gekennzeichnet)

Ich winkte – fingiertes Winken – Ihnen5
5 “ihnen“ - Persönliches Fürwort, Dativ, 3. Person Plural
“Ihnen“ - Persönliches Fürwort, Dativ, 2. Person in Höflichkeitsform
Lebewohl zu. Schloss die Tür - oder der Wind des undichten Hauses schloss sie - und das Portal ins Heim fällt zu; eine Bruchbude aus verkohltem Holz, doch in meiner Erinnerung noch der Palast, den es mir als Kind darstellte. Es stand schwarz gegen den Nebel, unbeirrt vom Schneetreiben, stand es schwarz. Das kaum vernehmbare Klicken eines modernen6
6 Widerspruch zu “eine Bruchbude aus verkohltem Holz“
Schlosses, sicher und gut geölt. Ich bin draußen, bin frei; mit den Füßen im Dreck und dem Kopf im eisigen Wind, die Augen gequält von den schemenhaften Bäumen, wie die Hände Satans aus dem Boden, mich verlangend; die Letzten die der Nebel noch nicht fraß und die Letzten die er vor mir fressen wird. „Wie die Hände des Todes...“ denke ich und frage mich zugleich, warum immer nur von seinen knochigen Händen die Rede ist.

Ich träumt’ in seinem Schatten
So manchen süßen Traum.

Es sind viele Winter vergangen, seit ich hier träumen konnte. Seit ich im Schatten des linden Sommers von der Zukunft träumte, von der Freiheit der Vögel. Ich strich über die Rinde und fühlte die Zeit. Ich hob meine Hand in den Wind und spürte die Geschwindigkeit der Welt. Ich legte meine Hand auf ihre Haut und spürte das Gute im Menschen. Winter sind vergangen, die Bäume kahlten, die meine Träume kahlten. Längst vergangen, schon vergessen, sind die Tage des Traumes von Freiheit in einem - und vom - elterlichen Palast; längst erfroren sind die Pflanzen die meiner Zeuge wurden, die Eltern die mich zeugten und Alles, was einst eine glorreiche Heimatstätte war.

Es schwand nicht nur die Welt an sich, sondern auch mein Bezug zu ihr: Ich konnte sie nicht mehr begreifen; fühlte sie nicht mehr und wurde objektiv. Langsam wurde alles zu einer Erinnerung.

Ich mußt’ auch heute wandern
Vorbei in tiefer Nacht,

Ich bin frei, doch nur in den Nebel hinein, ich bin unfrei zurückzukehren, das Schloss ist zu; ich bin unfrei, ich kann den Weg im Nebel nicht wählen; ich bin unfrei, der Wind sperrte mich aus, obwohl ich es wollte, doch ich kehre nie mehr zurück. Geschlossen ist die Türe nicht, nur eingeschnappt, verärgert wird sie mich nie wieder einlassen sondern jedes Gesindel - ich vermag sie nicht mehr zu öffnen, ich bin unfrei.

Denn niemand in der Welt dachte daran, dass es jemanden gibt wie mich. Niemand konnte erahnen, dass es einst jemanden gibt, dessen Bedürfnisse und Fähigkeiten niemand hat. Niemand denkt an Hände, niemand ist wie ich, niemand denkt den ganzen Tag nur an Hände. Und wer würde sich die Mühe machen, ein Fahrrad ohne Lenker zu bauen, dass niemand fahren kann?

Da hab ich noch im Dunkel
Die Augen zugemacht.

Im Dunkeln nehmen wir instinktiv die Hände um zu sehen. Im Nebel nahm ich instinktiv meine Hände um zu sehen, und seht: Ich war blind. In einem Moment hatte ich erkannt, dass ich gefangen war; zwischen Schnappschlössern und der Blindheit vor mir – jetzt renne ich, kopflos und händelos, blind und unkontrolliert, jetzt renne ich. Ich bin vollkommen frei, vollkommen ungebunden – ich bin absolut unfrei denn ich bin der absolute Zufall.7
7 “Die einzige Möglichkeit, einen wirklich freien Willen zu manifestieren, wäre, etwas zu tun, wozu es keinerlei Veranlassung gibt. Und da dies selbst die Veranlassung wäre, ist dies unmöglich.“ – Torsten de Winkel, 1999

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Nie war mir aufgefallen was eine Hand war. Ist Ihnen einmal aufgefallen was ein Oberschenkel ist? Eben. Ich neigte im Rotwein zum durschnittsdeutschen tractatus alcoholico-philosophicus dazu, festzustellen, dass meine Hand gleichsam die Gesellschaft darstelle. Ich fand im Daumen die Oberschicht, im Zeigefinger die Intellektuellen, im Mittelfinger das Proletariat und im Ringfinger den unscheinbaren und normalen Rest der Bevölkerung.
Der kleine Finger gefiel mir besonders, er erinnerte mich an den Künstler. Die eigentlich unbedeutende Randgestalt, doch liebenswürdig. Hoffungslos irgendwie, deswegen die Hoffnung an sich.

Später fragte mich der Wirt, um etwas sagen zu müssen8
8 Quentin Tarantino: “That's when you know you've found somebody special. When you can just shut the fuck up for a minute and comfortably enjoy the silence.“</br> - Mia Wallace in Pulp Fiction
, ob ich lieber einen Daumen oder einen Finger zurück hätte. Nach einem Lachen in der Vorstellung eines überlangen, surrealen Arms, der von einem langen, spinnigen, spindeldürren Zeigefinger9
9 Salvador Dalí: Elefant (1948)
Salvador Dalí: Traum, verursacht durch den Flug einer Biene um einen Granatapfel, eine Sekunde vor dem Aufwachen (1944)
gekrönt wird, der sich räkelt und durch die Luft stochert; macht Gesten aller Art. Aber als mir einfiel, dass ich nicht einmal einen Finger hatte, dass die groteske Überlegung folglich einen Wunsch innehatte, da fasste ich mir ein Herz, fasste mein Herz und ignorierte es: “Weder noch. Ich bin kein Bettler. Gib mir die Hand oder verstoße mich, aber einen Finger will ich nicht. Lass mich meinen Wohlmittelstand leben, oder stürze mich in eine Hungersnot, doch verschone mich vor dem Wohlfahrtsstaat10
10 Guido Westerwelle: “Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.“
. Ich sei stolz auf meinen Mangel.“ Doch der Wirt streckte mir die Hand entgegen die ich nicht schüttelte, er lachte mit verschmutzten Zähnen, die aber sauberer waren als der Ort und ich ging. Stolz hatte ich bewiesen. Aber mit der Geste einer Hand vermag man Weltgeschichte zu schreiben.

An all dies dachte ich, bis ich auf dem Heimweg auf der Brücke über einen stehenden Mühlbach mir bewusst wurde, dass all meine Überlegungen sophistische Spielerein waren. Ich verwarf diese Erkenntnis, verwarf sie, um so zu sein wie die Philosophen, deren Bücher man las. Viele schöne Gedanken, die sich alle ergänzen; Aber irgendwo in ihrer Mitte so viele Löcher haben11
11 Jean-Paul Sartre: An Simone Jolivet (1926), in: Briefe an Simone de Beauvoir (1) - Hrsg.: Simone de Beauvoir
  • Rowohlt, 1984 [Seite 24, Zeile 8ff.]
, dass sie wie eine Seifenblase schweben. Ich mag Seifenblasen.

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Der Dom war das einzige Gebäude der Stadt, das trotz des eisigen Windes nicht fror und das der Nebel nicht vergrämen konnte; denn er war der eisige Wind und der Gram selbst. Da ich nun meine Situation für auswegslos befand, wandte ich mich zum ersten Mal seit Jahren dem Portal aus schwarzem Holz mit schwarzem Eisen zu, dass mich derart einladend betrachtete, dass ich beschloss lieber den Turm zu besteigen, als mich in das Dunkel der Hölle hineinzuwagen.

Der im Sommer durchaus beliebte Turm war so vereinsamt wie die Industrieschornsteine am Horizont, der Wind brachte ihren weißen Ausstoß zu mir, die produktive Wärme in der Luft verflogen, kam ich in diesem Nebel zu meinesgleichen; Auch ich von der Wärme der Gesellschaft verstoßen12
12 Arthur Schopenhauer: Parerga und Paralipomena, Kleine Philosophische Schriften - Parabel “Die Stachelschweine“, 1851
und nun nur ein vereistes, herumtreibendes Abfallprodukt. Wir trafen uns, drei kalte Gestalten, verdreckt und alleine, in der Höhe des Himmels. Doch der schwarze Buntsandstein war dem Menschen wertvoll, die weißen Abgase nützlich; nur ich, der zwischen dem Wertvollen und dem Nützlichen, zwischen dem verschmutzten Reinen und dem reinen Verschmutzten, nicht mehr als warme Dampfwölkchen erarbeitet, und auch dies nur unter Mühen.

Ich war der Gesellschaft wie ein stillstehendes Mühlwerk, am Rotten; manch einer mag es anschauen um sich zu wundern, doch niemand mag es erhalten. „Es ist Kultur!“ ruft es von hinten und es abzureißen wäre zu teuer, mich von der Brüstung zu schmeißen zu aufwändig; doch hinabzusteigen und zu leben zu aufwändig, ich stehe nicht zwischen zwei gleichen Heuhaufen sondern Abgründen, beschließe mich auf eben des Messers Schneide niederzusetzen, sitze nun auf dem Geländer des Domturms, im Himmel über dem Leben; es mutet eine verschneite Winterlandschaft an, ein Märchen, wäre der Rauch doch Schnee und der Schornstein ein vereister Baum – doch er ist es nicht; und ich nicht in einem Märchen. Ich lehne den Kopf zurück, an das Mauerwerk, bis ich anfriere; warte, betrachte, tief unten, die laufenden Hände, sehe nur ihre Hände, die Handys, die Handtaschen, die Handschuhe, manche Hände haltend; die Menschen verschwinden, nur noch Hände auf Füßen. Ich erhasche noch die Hände meines Fräuleins, die weißen Hände des Cafés lugen aus einem Pelzmantel. Ich sinke tiefer in mich herein, ziehe mich zusammen, einer Schildkröte gleich, bleibt nur der Rumpf; Füße, Beine, Arme, Kopf alles zum Herz, wo noch ein Funken glüht, eine letzte Erinnerung an die Hände, dann schläft der Funke ein.

Es ist Nacht, der Himmel strahlt wie '86, die orange-warme Leuchtfeuerfarbe der Civilisation, schön wie eine vergammelte Orange in einem Labor.13
13 Comte de Lautréamont - “schön wie das zufällige Zusammentreffen einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ in Die Gesänge des Maldoror (6.Gesang); bekannt durch Man Rays The Enigma of Isidore Ducasse
“Herr, gib mir Hände!“ Ich stehe auf dem Geländer, dass sich durchbiegt, ich fühle mich stark – Irrationalität ist die Hoffnung des Versagers. “Nimm deine Mütze ab, wenn du in Gottes Haus kommst“ Ich wunderte mich nicht mehr, woher die Stimme kam und mit einer eleganten Geste hätte ich mich fast enthauptet. “Herr, heile meine Hände!“ “Knie vor dem Altar, mein Sohn.“ Ich falle in knackende Knie - Weiß der Herr nicht, dass der Altar unten steht? “Herr, ...“ “Falte deine Hände, des Beten Willens.“ “Ich kann nicht.“ “So lege deine Hände zusammen.“ “Ich kann nicht.“ Und da sagen sie noch, man könne sich in allen Lebenslagen an ihn richten. “So kannst du nicht beten.“ “Ich bete längst nicht mehr, ich brauche! Verlange! Fordere! Dürste! Ich fordere! Herr!“